Erinnerungsort Karstadt

Der Hermannplatz gilt einigen als der Döblinsche Alexanderplatz von morgen. Im gleichen Jahr, in dem „Berlin Alexanderplatz“ erschien, wurde auch das damals modernste  und sensationellste Kaufhaus Europas am Hermannplatz eröffnet. Eigentlich zur falschen Zeit am falschen Ort: 1929 wurde Karstadt mitten hinein in die schwelende Weltwirtschaftskrise und in das Elend des Arbeiterviertels Neukölln gesetzt. Unter Protest wurden dort  vorher Wohnungsbauten abgerissen, um dem U-Bahn-Bau und auch Karstadt Platz zu machen.


Knappe 3 Jahre lang war dieses Kaufhaus allerdings ein erfolgreicher Publikumsmagnet. Das vom damaligen amerikanischen Hochhausstil inspirierte Gebäude mit seinen zwei 56m hohen Turmbauten, auf welchen noch jeweils 15m hohe Lichtsäulen installiert waren, überragte die restliche Bebauung am Hermannplatz um über 20 Meter. Mit all seinem Schnickschnack (z.B. Schwimmbad, Sporthalle, Kinderspielplatz im Haus, eine Überfülle an sogenannten Kulturveranstaltungen, ein unglaubliches Warensortiment uvm), 4000 Angestellten und einer luxuriösen Dachterrasse für 500 Leute mit Blick über Berlin war das damalige Kaufhaus eine bilderbuchartige Dekadenzerscheinung der roaring twenties .

Abgesehen davon, dass die Nationalsozialisten aus verschiedensten Gründen Kaufhäuser ablehnten, war Hitler dieses eine ein ganz besonderer Dorn im Auge. Er empfand es als eine große Schmach, dass man im Landeanflug auf Tempelhof (der damals auch noch nicht Hitlers ästhetischem Empfinden entsprach) einzig und allein diese kapitalistisch-jüdische Verhöhnungsarchitektur sehen könne. Ein Kaufhaus als Wahrzeichen des zukünftigen Germania war aber nur so lange inakzeptabel wie es sich nicht in nationalsozialistischer Hand befand. So konnte durch die freundliche Mitwirkung der Karstadt AG dem Haus am Hermannplatz bereits 1933 nach genauester Prüfung der Verhältnisse das Schild „Deutsches Geschäft“ und 1938 die Auszeichnung „Vorstufe zum nationalsozialistischen Musterbetrieb“ verliehen werden…

Überraschenderweise wurde dieses Ausnahmegebäude nicht von Fliegerbomben zerstört, sondern von der Waffen-SS, die wahrscheinlich eine Übernahme der darin aufbewahrten Waren und Lebensmittel durch die Rote Armee verhindern wollte.

 

Blick auf Karstadt von der Ecke Hermannstraße/Karl-Marx-Straße

Blick auf Karstadt von der Ecke Hermannstraße/Karl-Marx-Straße

Dieser kleine bauliche Rest (Bild links) ist alles, was vom modernsten Kaufhaus Europas übrig geblieben ist. Mehrmals wurde Karstadt nach Beginn des Neubaus 1951 architektonisch verändert. In seiner jetzigen Erscheinungsform von 2000 mag es sich sehr viel besser an seine städtebauliche Umgebung anpassen, aber so ist auch einfach nur ein Warenhaus unter vielen, mit starker Tendenz zum Nicht-Ort. Dieser ist per se uninteressiert an seinem Standpunkt und -ort, an dessen Geschichte oder an  der Geschichte des Landes, in dem es steht. Lediglich dieses Fassaden-Versatzstück aus anderen Zeiten könnte an eben diese und die darauf folgenden erinnern…

…aber man erinnert sich halt nicht gerne

Das 1. Bild und einige Informationen stammen von der Website berlin-hermannplatz.de.
Weitere Informationen sind dem Buch „Tempel der Kauflust. Eine Geschichte der Warenhauskultur“ von Helmut Frei, 1997, entnommen.
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